
In der Paartherapie und -beratung werden Beziehungen häufig überwiegend als emotionale Verbindungen betrachtet. Als ein komplexes, dynamisches System, das sich gegenseitig stark beeinflusst und vielen Entwicklungen unterliegt. Wir sprechen über Wünsche, Bedürfnisse, Verletzungen, Ängste und die Kommunikation miteinander – dabei wirkt unter der Oberfläche noch etwas etwas viel Entscheidenderes mit: das Nervensystem.
Die Art, wie wir Beziehungen eingehen und leben, hängt stark mit unserem autonomen Nervensystem zusammen. Und zwar genau damit, ob es sich sicher, unsicher oder sogar bedroht fühlt und durch welche frühen Bindungs- und Beziehungserfahrungen es geprägt wurde. Beides spielt auch eine entscheidende Rolle in der Paartherapie.
Lange Zeit habe ich mir in meiner Arbeit mit Eltern und Paaren immer wieder folgende beiden Fragen gestellt:
> Warum fallen Menschen immer wieder in bestimmte (Beziehungs)Muster und agieren mit den selben, teils kontraproduktiven Strategien?
> Warum können wir diese mit dem Wissen darum alleine über den Verstand nicht willentlich auflösen?
Als ich begann, mich als somatische Coachin und im Bereich Körpertherapie ausbilden zu lassen und immer mehr über das autonome Nervensystem und unsere Psychophysiologie zu lernen, war eine meiner ersten Erkenntnisse:
Der Zustand unseres autonomen Nervensystems spielt in Bezug auf alle unsere Beziehungen und somit auch in der Paartherapie eine entscheidende Rolle.
Und ziemlich schnell bekam ich auch eine erste Antwort auf meine beiden Fragen:
Verstehen und Einsicht alleine reicht für eine Veränderung auf dieser Ebene nicht – emotionale Sicherheit muss vom Nervensystem tatsächlich erlebt werden.
Warum ist das so?
Die Basis unserer Beziehungen: das autonome Nervensystem
Das autonome Nervensystem (ANS) ist das Betriebssystem des Körpers. Es steuert alle Emotionen, Handlungen, Verhaltens- und Bewegungsmuster sowie unsere Gedanken und Glaubenssätze. Die Verbindung zu sich selbst, Vertrauen in sich und in andere, der eigene Selbstwert und das Selbstmitgefühl: alles ist eine Reaktion des autonomen Nervensystems.
Ein Neugeborenes kann sein Nervensystem noch nicht selbst regulieren und braucht andere Menschen, die es beruhigen, durch Emotionen begleiten und ihm Sicherheit vermitteln. Kinder, die sich auf emotionale Sicherheit und Co-Regulation verlassen können, entwickeln mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein stabiles Gefühl von Vertrauen, Verbundenheit und gute Fähigkeiten der Selbstregulation.
Wächst ein Kind dagegen in einem Umfeld mit viel Unsicherheit, fehlender Verlässlichkeit oder sogar emotionaler Kälte auf, lernt das Nervensystem in Alarmbereitschaft und ständig wachsam zu sein.
Tiefes Vertrauen in andere Menschen empfinden zu können und emotionale Sicherheit aufzubauen ist somit von deinem Nervensystem abhängig. Es basiert darauf, dass du als Baby und Kleinkind ein tiefes Gefühl der inneren Sicherheit auf Basis deines Nervensystems erfahren und erlebt hast.
Leider ist es so, dass einige Menschen diese Fähigkeiten nur unzureichend mitbekommen oder sie durch traumatische Erlebnisse und Erfahrungen verloren haben. Zu traumatischen Ereignissen zählen für ein kleines Kind auch “einfach” nur überfordernde Erfahrungen, Situationen und Gefühle, in denen es nicht durch eine erwachsene, regulierte Person unterstützt und begleitet worden ist (Co-Regulation) – sondern damit alleine gelassen wurde. Diese fehlende Sicherheit in einer für das Kind überfordernden Situation hinterlässt Spuren im Nervensystem – es reagiert in diesem Moment mit einer Überlebensreaktion, die das Kind schützen soll und häufig langfristig im Körpergedächtnis gespeichert bleibt.
Sicher-verbunden, Fight or Flight und Freeze: wie das Nervensystem konkret reagiert

Man unterscheidet grundlegend zwei Überlebens-Strategien, die immer in fest angelegter Reihenfolge stattfinden: die sympathische Aktivierung (Sympathikus) und die Erstarrung (dorsal-vagaler Shutdown).
Unser ANS sammelt zu jedem Zeitpunkt Informationen aus unserem Körper, der Umwelt und aus der Beziehung zwischen uns und den Personen, die um uns herum sind. Dieser Prozess heißt Neurozeption und findet unterhalb des Verstandes statt – sprich, wir bekommen ihn nicht mit.
Registriert das ANS eine Gefahr, aktiviert es zuerst den Sympathikus (Fight oder Flight) und eine Mobilisierung ist die Folge. Diese soll dafür sorgen, dass wir der Gefahr entgehen und wieder zurück im oberen Teil des Parasympathikus (sicher-verbunden, keine Gefahr) landen. Führt die sympathische Aktivierung nicht zum Ziel und eine erlebte Gefahr bleibt bestehen, rutscht das ANS in den Shutdown.
Unser Körper scannt ständig, ob wir uns sicher, verbunden, angegriffen oder überfordert fühlen. Diese körperlichen Zustände beeinflussen direkt, wie wir in Verbindung zu anderen treten – wie wir lieben, streiten, vertrauen, Nähe zulassen oder uns zurückziehen.
Die drei Zustände des Nervensystems und ihre Auswirkungen auf unser Beziehungsverhalten
Sicher & verbunden (regulierter Zustand)
Wir fühlen uns ruhig, zentriert, offen und neugierig. Nähe und Verbindung sind gut möglich und werden als angenehm und locker empfunden. In diesem Zustand betrachten wir unsere Mitmenschen als freundlich, können gut Mitgefühl sowie Verständnis aufbringen und Konflikte können besprochen werden, ohne sofort zu eskalieren.
Tiefe Empathie, Humor und echte Verbindung.
Kampf/Flucht (sympathische Aktivierung)
Das Nervensystem erlebt Gefahr oder Unsicherheit. Wir fühlen “zu viel” Energie im Körper, die durch Unruhe, wenig Fokus und Konzentration, Gereiztheit oder Hektik zum Ausdruck kommt.
Typische Reaktionen können sein: Angreifen, kontrollieren, kritisieren, rechtfertigen, Eifersucht oder „abhauen“.
Der Körper ist in Alarmbereitschaft – Verbindung und Nähe sind schwierig einzugehen.
Shutdown (Erstarrung)
Wir fühlen uns emotional taub, von uns selbst distanziert, hoffnungslos und neigen stark dazu, in den Rückzug zu gehen. Unser Nervensystem fühlt sich unsicher oder bedroht. Nähe fühlt sich anstrengend oder gefährlich an und von außen kann der Eindruck entstehen, dass wir emotional nicht erreichbar sind.
Depressive Menschen oder Personen mit traumatischer Beziehungsvergangenheit befinden sich häufig (auch unbewusst) im Shutdown. Es fällt diesen Personen sehr schwer in Kontakt oder Verbindung zu gehen sowie Nähe einzugehen. Dadurch wirken sie manchmal emotional kalt oder unzugänglich.
Rückzug, Angst und emotionale Kälte / Abwesenheit.
Charakteristisch für glückliche und gesunde Beziehungen ist nicht, dass keine Konflikte entstehen, sondern, dass beide Nervensysteme immer wieder in die Sicherheit zurückfinden können und man sich gegenseitig Sicherheit signalisiert. Zuhören, Mitgefühl, Verständnis, körperliche Nähe und Präsenz und Verlässlichkeit – dazubleiben auch wenn es schwer fällt – signalisieren dem Nervensystem Sicherheit und beruhigen es.
Es ist sehr wichtig, sich in der Paartherapie und Paarberatung gegenseitig bewusst zu machen,
– welche persönlichen Signale für das eigene ANS Sicherheit oder Gefahr bedeuten
– sich tief darüber auszutauschen, was einem hilft, sich immer wieder sicher zu verankern und
– was einen triggert und schnell in die Dysregulation bringt.
Wissen beide PartnerInnen das voneinander, ist das eine enorm stabile und wertvolle Basis.

Wie das Nervensystem reguliert und langfristig gestärkt werden kann
1. Regulation: im Rahmen von somatischen Coachingsitzungen wird der häufig oder sogar permanent aktivierte Überlebenszustand ganz sanft begonnen mit gezielten Maßnahmen und Übungen zu regulieren. Zuerst liegt der Fokus darauf, innerhalb der Sitzungen in kleinen Schritten wieder mehr Sicherheit für das Nervensystem zu generieren.
2. Rehabilitation: Heilung, Entdecken, Erforschen & Lösen der Defizite und Veränderungen in der Physiologie.
Im zweiten Schritt geht es vor allem darum, das System langfristig wieder neu zu programmieren und in sanften Schritten mehr Flexibilität und Resilienz zu erreichen.
Durch somatische Körpertherapie und somatic Coaching, positive emotionale Erfahrungen, gestärkte und neu erlernte Fähigkeiten der Selbstregulation und neue Bindungserfahrungen im Erleben von sicheren, vertrauensvollen Beziehungen können sich auch festgefahrene Beziehungsmuster wieder verändern.